PER, PAUL UND ESPEN ASCHENHANS

 

Es war einmal ein Mann, der hatte drei Söhne, Per Paul und Espen Aschenhans.

Er war aber so arm wie eine Kirchenmaus, und die drei Söhne waren alles, was er hatte,  sagte darum wieder und wieder zu den Dreien sie mussten hinaus in die weite Welt und ihr Glück versuchen zu Hause erwarte sie doch nichts anderes als der Hunger.

Weit von der Hütte des armen Mannes wohnte der König. und vor den Fenstern seines Hofes stand eine Eiche deren Aste waren so groß und so dicht, dass sie dem Hofe des Königs das Licht wegnahmen. Der König hatte dem, der die Eiche fällen konnte, eine große Belohnung versprochen Doch keiner brachte es fertig, und jedes Mal, wenn einer ein Stuck aus dem Stamm des Baumes hieb, wuchsen zwei neue heraus. Der König wollte auch einen Brunnen haben der das ganze Jahr voll Wasser wäre, denn alle seine Nachbarn hatten Brunnen, nur er nicht, und das schien ihm eine Schande zu sein.

Dem, der ihm einen Brunnen graben konnte, m dem das ganze Jahr Wasser war, hatte der König Geld und andere Herrlichkeiten versprochen, er fand aber niemand, der es vermochte, denn der Königshof lag hoch oben auf einem Hügel, und jeder, der ein paar Zoll gegraben hafte, stoßt nur auf Stein. Da der König sich aber nun mal im den Kopf gesetzt hatte, dass er es so und nicht anders haben wollte, ließ er im ganzen Land bekanntmachen, die Königstochter und das halbe Reich würden dem zum Lohn der imstande sei, die große Eiche zu fällen und ihm einen Brunnen zu graben, in dem das ganze Jahr Wasser wäre kannst dir wohl denken' dass ^e kamen, um ihr Gluck zu versuchen, aber all ihr Hacken, Schlagen, Graben und Schaufeln half ihnen nichts, die Eiche wurde nur dicker bei jedem Hieb und der Felsen nicht weicher.

Eines Tages befiel die drei Brüder die Lust, in die Weite zu fahren. Gewännen sie auch nicht die Königstochter und das halbe Reich, so könnte es doch sein, dass ein braver Mann sie in seine Dienste nähme, dachte der Vater, und als sie ihm sagten, sie seien entschlossen, zum Hof des Königs zu ziehen, war er's zufrieden, und Per, Paul und Espen Aschenhans zogen von dannen.

Nachdem sie eine Weile gewandert waren, kamen sie an einen Abhang, der mit Tannen bewachsen war, und über dem war ein steiler Hügel. Da hörten sie etwas in der Ferne, das hackte und schlug.

«Ich möchte gern wissen, was auf dem Hügel hackt,» sagte Espen Aschenhans.

«Was du auch immer gern wissen möchtest,» sagten Per und Paul.

«Ist es so seltsam, dass ein Holzhacker im Walde steht und hackt?»

«Ich möchte es aber selber sehen,» sagte Espen Aschenhans und ging davon.

«Ach, bist du so ein Kindskopf, dann ist es vielleicht gut, dass du das Gehen lernst,» riefen die Brüder hinter ihm her.

Espen kümmerte sich aber nicht im geringsten um sie, lief den Hügel hinauf und dem Laut entgegen, den er vernommen hatte, und stand plötzlich vor einer Axt, die ohne Unterlass auf einen Fichtenstamm schlug.

«Guten Tag,» sagte Espen Aschenhans, «stehst du hier und hackst?»

«Ja, ich hacke schon lange und warte auf dich,» sagte die Axt.

«Nun bin ich ja da,» sagte Espen, trennte die Axt von dem Stiel und stopfte sie beide in seinen Ranzen.

Als er zu den Brüdern zurückkam, lachten sie ihn aus.

«Was hast du denn auf dem Hügel entdeckt?» fragten sie.

«Nur die Axt, die wir hörten,» sagte Espen.

Nachdem sie eine Weile gegangen waren, kamen sie an einen Felsen und hörten, dass etwas hackte und grub.

«Ich möchte gern wissen, was auf dem Berg dort hackt und gräbt,» sagte Espen Aschenhans.

«Was du auch immer gern wissen möchtest,» sagten Per und Paul auch diesmal.

«Hast du noch nie einen Vogel gehört, der an den Baum klopft?»

«Doch, ich möchte es aber selber sehen,» sagte Espen und kümmerte sich nicht im Geringsten darum, dass sie ihn auslachten. Er kletterte den Felsen hinauf, und als er oben war, sah er eine Hacke, die hackte und grub.

«Guten Tag,» sagte Espen Aschenhans, «stehst du hier und hackst und gräbst so ganz allein?»                             

«Ja, das tu' ich», sagte die Hacke. «Ich steh' hier schon lange und warte auf dich.»   

«Nun bin ich ja da,» sagte Espen wieder, trennte die Hacke vom Schaft, stopfte beide in seinen Ranzen und ging zu den Brüdern.

«Was hast du denn auf dem Felsen entdeckt?» sagten die Brüder.

«Ach, das war nichts Besonderes, es war nur eine Hacke, die ihr gehört habt,» sagte Espen.

Als sie ein Stück weitergegangen waren, kamen sie an einen Bach. Sie waren alle durstig von der Reise und legten sich hin, um zu trinken.

«Ich möchte gern wissen, wo das Wasser herkommt,» sagte Espen Aschenhans.

«Wenn du nicht schon verrückt bist, wirst du es sicher bald. Wo der Bach herkommt? Hast du noch nie gesehen, wie Wasser aus einer Quelle fließt?» sagten die Brüder.

«Doch, ich möchte es aber selber sehen,» sagte Espen, lief den Bach hinauf und liest die Brüder rufen und lachen. Je weiter er kam, desto schmäler wurde das Bächlein, und schließlich entdeckte er eine Walnuss, aus der das Wasser herausrann.

«Guten Tag,» sagte Espen. «Liegst du hier und tröpfelst allein?»

«Ja», sagte die Walnuss, «hier lieg' ich und tröpfle schon lange und warte auf dich.»

«Nun bin ich ja da,» sagte Espen. Dann nahm er eine Handvoll Moos, stopfte sie ins Loch, so dass das Wasser nicht herauskonnte, legte die Walnuss ins Ränzel und eilte hinab zu den Brüdern.

«Nun, hast du gesehen, wo das Wasser herkommt? Das war wohl ein seltsamer Anblick?» sagten die Brüder und lachten.

«Es kam aus 'nem Loch», sagte Espen. Per und Paul hielten ihn weiter zum Narren, er aber kümmerte sich wenig darum und sagte: «Ich hatte so Lust, es zu sehen».

 

Als sie wieder ein Stück weitergegangen waren, kamen sie zum Hofe des Königs. Da aber alle im Reich erfahren hatten, dass der die Königstochter und das halbe Königsreich gewänne, der die große Eiche fällen und dem König einen Brunnen graben könne, waren so viele gekommen, um ihr Glück zu versuchen, dass die Eiche doppelt so dick geworden war als vorher.

Denn du kannst dich sicher entsinnen, dass zwei Stücke aus der Eiche wuchsen, wenn man eines herausschlug. Darum hatte der König bestimmt, dass jeder, der vergebens versuchte, die Eiche zu fällen, auf eine Insel verbannt werden sollte und dass man ihm beide Ohren abschnitte.

Die beiden Brüder ließen sich nicht abschrecken und glaubten ganz sicher, dass es so schwer nicht sein könne, die Eiche umzuhauen. Per, der älteste, sollte zuerst sein Glück versuchen. Es ging aber mit ihm wie mit allen anderen: anstelle jedes Stücks, das er heraushieb, wuchsen zwei neue. Und die Knechte des Königs ergriffen ihn, schnitten ihm die Ohren ab und brachten ihn auf die Insel.

Dann versuchte Paul sein Glück, aber sein Los war das gleiche. Als er zwei, drei Schläge getan hatte und alle sahen, dass die Eiche zu wachsen begann, ergriffen auch ihn die Knechte des Königs, brachten ihn auf die Insel und schnitten seine Ohren noch dichter am Kopf ab, da sie fanden, er hätte sich besser in acht nehmen können.

Nun kam Espen Aschenhans an die Reihe.

«Wenn auch dir der Sinn danach steht, wie ein gebrandmarktes Schaf auszusehen, können wir dir die Ohren gleich abschneiden, und du kannst dir die Mühe sparen»,

sagte der König, der ihm um der Brüder willen gram war.

«Ich hab' aber Lust, mein Glück zu versuchen», sagte Espen, und man ließ ihn gewähren.

Er nahm seine Axt aus dem Ranzen und setzte den Stiel daran.

«Schlag' zu!» sagte Espen zur Axt. Und die Axt schlug zu, dass die Splitter flogen, und es dauerte nicht lang, da lag die Eiche am Boden. Als dies getan war, nahm Espen die Hacke und setzte sie auf den Schaft.

«Hack' zu!» sagte Espen, und die Hacke fing an zu hacken und zu graben, dass Erde und Steine spritzten, und bald war der Brunnen fertig, das darfst du mir glauben.

Als er so tief und so groß war, wie Espen ihn haben wollte, nahm er die Walnuss, legte sie in die eine Ecke und zog das Moos heraus.

«Tröpfle und fließ'», sagte Espen, und das Wasser begann, so reichlich aus dem Loch zu strömen, dass der Brunnen nach einer kleinen Weile bis zum Rande gefüllt war.

So hatte Espen die Eiche gefällt, die dem König das Licht nahm und dem Königshof seinen Brunnen gegeben, und er bekam die Königstochter und das halbe Reich, wie es der König versprochen. Für Per und Paul war es wohl gut, dass sie keine Ohren mehr hatten, denn sonst hätten sie wieder und wieder zu hören gekriegt,

was alle sagten: dass nämlich Espen so dumm nicht war, als er gewisse Dinge so arg gern wissen wollte.

„ Og Snipp – Snapp – Snute, så var Eventyret ute!“

 

Jörgen Moe